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Diagnosekompetenz von GemeinschaftsschullehrerInnen untersucht

Ergebnisse einer Forschungsarbeit an der PH Schwäbisch Gmünd


Nina Grausam

Mit der Diagnosekompetenz von Lehrpersonen als Voraussetzung individueller Förderung im Bereich „Texte schreiben“ beschäftigte sich Nina Grausam in ihrer Dissertation an der PH Schwäbisch Gmünd. Dazu führte sie eine empirische Studie am Beispiel einer neu eingeführten integrierten Schulform – der Gemeinschaftsschule – durch.

Wie steht es um die Diagnosekompetenz von GemeinschaftsschullehrerInnen im Bereich „Texte schreiben“? Mit dieser Frage beschäftigte sich Nina Grausam im Rahmen ihrer Dissertation an der PH Schwäbisch Gmünd. Dazu führte sie 33 Interviews mit LehrerInnen der Klassenstufen 5 und 6 aus 19 Gemeinschaftsschulen der Schulamtsbezirke Göppingen und Heilbronn und wertete 607 bewertete Schülertexte aus. Sie untersuchte dabei den Einfluss der neuen Schulform auf die Diagnostik und Förderung der Schreibkompetenz, die Auswahl der Aufgabenstellungen, die Bewertung der Texte, die Urteilsgenauigkeit, die Bezugsnorm und die Rückmeldungen der Lehrkräfte.

In den Interviews wurde deutlich, dass die LehrerInnen das Gefühl hatten, den „einzelnen Schüler besser im Blick zu haben und exakter zu wissen, wo er steht“, seit die neue Schulform eingeführt wurde. Die Förderung beim Schreiben sei zudem differenzierter und individueller geworden, so der Tenor. Wie es um die Schreibkompetenz ihrer Schützlinge bestellt ist, ermitteln die Lehrkräfte anhand informeller und traditioneller Verfahren, fand Grausam heraus. Meistens betrachten sie aber nur sprachliche Kompetenzen wie Rechtschreibung und Grammatik. Inhalt und Aufbau werden wenig beachtet. Welche Form und Qualität die Aufgaben der LehrerInnen hatten, nahm Grausam in einem zweiten Schritt unter die Lupe. Sie stellte fest, dass nur etwa die Hälfte der Lehrkräfte, entgegen der Vorgabe von Gemeinschaftsschulen, Aufgaben mit unterschiedlichen Niveaustufen konzipierte. Sie fühlten sich dazu unzureichend ausgebildet, sagten die Befragten aus. Lehrende beurteilten Texte vor allem im Hinblick auf sprachliche Elemente, die vermeintlich leicht zu erfassen sind, aber wenig über die Textqualität aussagen. Mängel bei Inhalt und Aufbau wurden nur markiert. Verbesserungsvorschläge und Überarbeitungshinweise gab es keine. Um wiederum herauszufinden, wie genau die Urteile der Lehrkräfte waren, setzte Grausam geschulte externe Rater ein, die die Schülertexte erneut bewerteten. Es stellte sich heraus, dass LehrerInnen die Heterogenität der SchülerInnen überschätzen und gut die Hälfte das Niveau der Schülerleistungen unterschätzt und somit strenger bewertet. Grausam nahm zudem an, dass die Urteilsgenauigkeit bezogen auf die Rangkomponente – also inwieweit die Lehrperson eine korrekte Rangfolge der Schülerleistungen innerhalb einer Gruppe erstellt – im mittleren Bereich liegen würde, was sich bestätigte.

Dank neuer Schulform „Schüler besser im Blick“
Beim Blick auf die Bezugsnormorientierung stellte die Forscherin fest, dass – obwohl die Lehrenden aussagen, dass sie seit der Einführung der neuen Schulform die Entwicklung der Schülerleistungen stärker wahrnehmen und dies verschiedentlich dokumentieren – die Texte der SchülerInnen trotzdem rein kriteriumsorientiert bewerteten. Eine individuelle Bezugsnorm, bei der die Entwicklung der Leistung Grundlage der Bewertung ist, wandten sie also nicht an. Dennoch herrsche, Grausam zufolge, an den untersuchten Schulen eine differenzierte Rückmeldekultur und die LehrerInnen geben den SchülerInnen mithilfe verschiedener Formate Informationen über deren Textqualität. Um Zeit zu sparen und besser vergleichen zu können, nutzen sie z.B. Verbalkommentare nach einem meist gleichbleibendem Muster. Dabei wurden aber nur wenige Kriterien diskutiert und die allgemeine Schreibkompetenz nicht umfassend bewertet. Der Anspruch der integrierten Schulform, die individuelle Leistungsentwicklung in den Rückmeldungen zu fokussieren, werde so nicht realisiert, hält Grausam fest.

Diagnosekompetenz in Aus- und Fortbildung stärker verankern
Grausams Arbeit liefert für Lehrende, Fortbildner und die Bildungspolitik wertvolle Ergebnisse, auf deren Grundlage weitere Maßnahmen umgesetzt werden können. Die Autorin hat dazu konkrete Vorschläge: In der ersten Phase der Ausbildung sollen Studierende grundlegendes Wissen über Methoden und Verfahren der formativen Diagnostik und über Fördermaßnahmen im jeweiligen Fach erhalten. Die Kenntnisse gelte es in der zweiten Phase im selbstständigen professionellen Arbeiten zu vertiefen und in der dritten Phase fortwährend zu reflektieren. Auch gebe es nur wenige Lehrerfortbildungen, die die Diagnosekompetenz schulten. „Hier ist dringend eine Erweiterung des Professionalisierungsangebots angezeigt, um so den Lehrpersonen eine Entwicklung ihrer diagnostischen Kompetenzen zu ermöglichen“, fordert Grausam. Denn letztlich profitierten davon die SchülerInnen, die so individuell gefördert werden können.


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