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Wie psychisch auffällige Kinder frühzeitig unterstützt werden können

Viele Kinder zeigen bereits im Vorschulalter psychische Verhaltensauffälligkeiten wie Angststörungen oder Störungen des Sozialverhaltens. Unbehandelt können sie chronisch werden oder sich zu gravierenden Störungen entwickeln. Dorothea Hüsson von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd untersuchte in ihrer Dissertation, wie ein präventives Angebot aussehen kann, das Kinder bereits in jungen Jahren erreicht und ihnen eine gesunde Entwicklung ermöglicht.

Dr. Dorothea Hüsson

Dr. Dorothea Hüsson

Genauer überprüfte Hüsson die „kitabasierte Spiel- und Entwicklungsförderung“ (KbSE) auf ihre Wirksamkeit. Die KbSE orientiert sich an der School-Based Play Theory in den USA. Diese ist dort ein weit verbreitetes Instrument für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, die in belasteten Familien und häufig prekären Lebensverhältnissen aufwachsen. Im Rahmen ihres Schulbesuchs erhalten sie von speziell ausgebildeten Fachkräften spieltherapeutisch ausgerichtete Stunden, die ihnen bessere Entwicklungsmöglichkeiten und dadurch größere Bildungsperspektiven ermöglichen. Amerikanische Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Form der Unterstützung die Entwicklung der Kinder verbessern kann. Das Angebot ist im deutschen Sprachraum jedoch kaum bekannt.


In Deutschland kaum bekannt

In der von Hüsson durchgeführten Untersuchung erhielten 91 Kinder im Vorschulalter mit (sub)klinischen Symptomen der Angststörung wie z.B. soziale Unsicherheit, Schüchternheit, geringer Blickkontakt, wenig Kommunikation oder Trennungsangst in 26, vorwiegend baden-württembergischen Kindertagesstätten, KbSE durch geschulte Studierende der Gmünder PH. Studierende der Frühen Bildung bzw. der Kindheitspädagogik werden innerhalb ihres Studiums in dieser Form der Spielförderung ausgebildet und können so ihre Kompetenzen in pädagogischen Handlungsfeldern einsetzen.

Zweimal wöchentlich über sechs Wochen hinweg erhielt zunächst die Hälfte der Kinder – einer zufällig zusammengesetzten Gruppe – die Intervention, während für die andere Hälfte der Kinder, die als Kontrollgruppe fungierte, keine Maßnahme stattfand. Nach sechs Wochen erfolgte der Wechsel.


Sich spielerisch mit Belastungen auseinandersetzen

Die KbSE ist in mehrere Spieleinheiten aufgegliedert. „Die geschulten Studierenden spielten zunächst in mehreren Einzelsitzungen in einem vorbereiteten Raum alleine mit einem Kind; später kamen ein bis drei Kinder hinzu. Dabei begleitete die Fachkraft das Kind empathisch, wertschätzend und interaktionell bei dessen selbstgewählten Spielideen und -themen“, erklärt Hüsson. In der vertrauten Umgebung könne das Kind seine psychischen Belastungen im Spiel darstellen und sich mithilfe der Fachkraft spielerisch mit ihnen auseinandersetzen. „Ein unsicheres Kind wählt z.B. ein Pferd als Spielfigur, das im Stall stehen bleibt und sich nicht auf die Weide traut. Die Fachkraft greift die Spielidee auf und interagiert mit dem Kind auf der Spielebene mit einer eigenen Spielfigur, sodass das Kind seine emotionale Befindlichkeit äußern, Handlungsmöglichkeiten entwickeln und dadurch seine Selbstwirksamkeit erhöhen kann“, veranschaulicht Hüsson.

Insgesamt drei Mal – zu Beginn der Maßnahme, nach sechs Wochen und der ersten Durchführung sowie nach weiteren sechs Wochen und der zweiten Durchführung der Intervention – erhob die Wissenschaftlerin Daten zur Erfassung der Angstsymptomatik aus der Perspektive der Eltern, der Erzieherinnen und der Kinder und wertete sie quantitativ und qualitativ aus.


Verbesserung der Symptome

„Die Ergebnisse bestätigten die Wirkung der KbSE“, freut sich Hüsson. So meldeten besonders die Eltern und Kinder eine Reduzierung der Symptome zurück. Zudem erreichten die Kinder 59 Prozent der zuvor von den Erzieherinnen formulierten Ziele wie Verbesserungen im sozialen oder emotionalen Bereich – z.B. dass das Kind weniger weint und fröhlicher ist. Aber auch kommunikativ und kognitiv verbesserten sich die Kinder – so konnten sie sich beispielsweise länger konzentrieren.

Insgesamt konnten auch die bereits vorhandenen und bisher nicht diagnostizierten klinischen Störungsbilder zu 54 Prozent reduziert werden.

„Damit ist klar: die KbSE kann auch in Deutschland als ein niederschwelliges Konzept verstanden und eingesetzt werden, um Verhaltensauffälligkeiten von Kindern frühzeitig zu begegnen“, so Hüssons Fazit. Die Vorteile seien die Unterstützung in vertrauter Umgebung, weder zeitliche noch finanzielle Belastungen für die Eltern, eine frühzeitige Hilfe, die die Entwicklung weiterer Störungen reduziert, sowie der langfristige Aufbau von Ressourcen. „Darüber hinaus erhalten Erzieherinnen und Erzieher Handlungsoptionen, um adäquat auf Verhaltensauffälligkeiten reagieren zu können“, fasst Hüsson zusammen.

Langfristig sei es daher das Ziel, eine Schulung für Erzieherinnen und Erzieher in kitabasierter Spiel- und Entwicklungsförderung zu entwickeln und anzubieten.