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„Alle Kinder und Jugendlichen lassen sich für die heimische Tierwelt interessieren“

Um die Artenkenntnis ist es vor allem bei jungen Menschen nicht gut bestellt – so berichteten mehrere Medien in den vergangenen Tagen. Wie das Wissen um die Arten vermittelt werden kann und wie es um die Artenkenntnis steht, erklärt Akademischer Oberrat Konrad Bauerle von der Abteilung Biologie der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und ehrenamtlicher Referent für Artenschutz Tiere und Umweltbildung für den Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg im Interview.

AOR Konrad Bauerle
Projekt Tierforscher
  • Gelten Artenkenner und -kennerinnen wirklich als bedrohte Art oder ist das eher ein Unkenruf? Was ist Ihr persönlicher Eindruck?

Für den Terminus „Artenkenntnis“ bzw. „Artenkenner“ gibt es keine allgemeingültige Definition. Tatsächlich aber gibt es immer weniger Menschen in unserer Gesellschaft, welche sich intensiv mit der belebten Natur – also den Pilzen, Pflanzen und Tieren – auseinandersetzen. Mit dieser Wissenserosion geht ein kostbares Gut für nachkommende Generationen verloren.

  • Welches sind die Gründe für das verlorengegangene Interesse an der heimischen Flora und Fauna? Spielen Smartphone & Co. hierbei eine Rolle?

Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Um kurz die wichtigsten zu nennen: Flächendeckende Versiegelung der Landschaft, Verbauung natürlicher Flussufer, Vergiftung des Bodens und des Wassers durch übermäßigen Pestizideinsatz und Überdüngung in der Landwirtschaft, Monokulturen mit Fichten anstatt naturnaher Laubwälder. Als Folge davon ein dramatischer Rückgang der Artenvielfalt, beginnend bei der ökologisch wichtigsten Tiergruppe, den Insekten.
Hierzu ein Beispiel: Als ich vor 40 Jahren in Würzburg Biologie studierte, kamen eines Tages Arbeiter des städtischen Bauhofs mit 150 großen Engerlingen des Hirschkäfers und gaben diese im Zoologischen Institut der Uni ab. Was war passiert? Beim Auswechseln maroder Klettergerüste auf einem Kinderspielplatz wurden die Käferlarven beim Ausgraben eines Klettergerüsts entdeckt. Weil die weiblichen Hirschkäfer in den umgebenden „ausgeräumten“ Wäldern kein Totholz am Waldboden fanden, legten sie ihre Eier notgedrungen am alten Eichenholz des Klettergerüsts ab!
Die ausgeräumte Landschaft bietet heute kaum noch Spielräume für Kinder im Freien. Computer und Smartphone ersetzen teilweise das direkte Kommunizieren in der Peergroup.
Apropos Smartphone: Dieses Medium eignet sich dennoch hervorragend, um mit Bestimmungs-Apps Pflanzen und Tiere im Freien zu bestimmen. Das heißt, wir sollten diese neuen Medien unbedingt in unsere Überlegungen miteinbinden, wenn es darum geht, junge Menschen für Artenkenntnis zu interessieren.

  • Was kann getan werden, um das Interesse an der Tier- und Pflanzenwelt wieder zu steigern?

Der „Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg e.V.“, kurz LNV, startete in diesen Tagen die „Initiative Artenkenntnis“. Eine der dabei geforderten Maßnahmen ist, die Lehre der Taxonomie – das Kennen und Einordnen von Pflanzen- und Tierarten – wieder stärker an den Hochschulen zu etablieren. Besonders an den Universitäten im Lande ist dieser Grundpfeiler der Biowissenschaften zugunsten von Genetik und Biotechnologie zu einer Randwissenschaft verkommen.
Ministerpräsident Kretschmann, selbst studierter Biologe, hat zugesagt, dass zeitnah an der Universität Hohenheim zwei neue Professuren zu dieser wichtigen biologischen Teildisziplin eingerichtet werden. Dies ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Weiterhin werden in den kommenden fünf Jahren Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte von Experten und Expertinnen zu diesem Thema weitergebildet.
Was unsere Hochschule, die PH Schwäbisch Gmünd, anbelangt, so müssen unsere Studierenden des Lehramts Biologie acht bis neun Semesterwochenstunden in Morphologie, Systematik und Ökologie der heimischen Pflanzen- und Tierarten besuchen. Zusätzlich bietet das Fach Biologie Freilandexkursionen an, die rege nachgefragt werden.
Die Studierenden, welche dieses Angebot ernst nehmen, kennen zum Ende ihres Studiums rund 120 Pflanzenarten sowie 200 Tierarten. Damit sind sie noch keine Artenkenner, haben jedoch eine solide Wissensbasis, auf der sie im Eigenstudium weiter aufbauen können.

  • Von 2008 bis 2016 untersuchten Sie im Projekt „Tierforscher“, wie die Artenkenntnis heimischer Tiere in KITAS und Grundschulen verbessert werden kann. Was waren die Ergebnisse daraus? Wie können Lehrkräfte dieses Wissen am besten vermitteln?

In rund zwanzig Jahren Schuldienst habe ich im Sachunterricht der Grundschule und im Biologieunterricht der Sekundarstufe die Erfahrung gemacht, dass ein Element für erfolgreichen, sprich interessanten Biologieunterricht unabdingbar ist: Der Einsatz von lebenden heimischen Tieren im Unterricht. Dies nicht nur kurzfristig, sondern langfristig. Aquarien- und Terrarienhaltung haben mich deshalb nicht nur im Privatleben, sondern auch in der Schule immer begleitet.
Das Projekt „Tierforscher“ entwickelte ich aus den oben genannten Erfahrungen, nachdem ich seit 2006 als Dozent im Fach Biologie an unserer PH tätig bin. Zusammen mit dem damaligen Studiengang „Frühe Bildung“, heute Kindheitspädagogik, etablierte ich das Projekt „Tierforscher“. Mit den Studierenden der Frühen Bildung besuchte ich einmal pro Woche Kindergärten und Grundschulen im Kreis Göppingen sowie im Ostalbkreis. Aus den Projekten und Beobachtungen, welche die Studierenden anschließend selbst in KITAS durchführten, entstanden etliche Bachelorarbeiten zum Themenkomplex Artenkenntnis.
Mein Credo: Alle Kinder und Jugendlichen lassen sich, die Expertise und Begeisterung der Lehrenden vorausgesetzt, für die heimische Tierwelt interessieren. Sie beginnen, selbständig Tiere zu beobachten und intrinsisches Interesse zu entwickeln. Auch das ist ein Baustein, um neue Artenkenner und -kennerinnen zu gewinnen!