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Während Corona im Ausland – Erasmus in Zeiten der Pandemie

Auf den ersten Blick scheint nichts schlechter zusammenzupassen als Corona mit einem Erasmus-Semester voller neuer Erfahrungen und Begegnungen im Ausland. Als im März etliche Länder der Welt den Lockdown vollzogen, Grenzen dichtmachten und Schulen und Hochschulen quasi über Nacht auf Online-Lehre umstellten, hatten rund 50 Studierende der Pädagogischen Hochschule (PH) Schwäbisch Gmünd gerade ihr Auslandssemester oder -Praktikum begonnen, auf das sie sich lange vorbereitet und gefreut hatten. Dann kam alles anders.
Die Studierenden waren plötzlich mit Fragen konfrontiert wie: Muss ich das Semester abbrechen? Wie komme ich nach Hause, wenn der Flugbetrieb eingestellt ist? Muss ich mein Stipendium zurückzahlen? Zählt mein Erasmus-Semester auch, wenn ich es von zuhause online studiere? Wie ist das Gesundheitssystem vor Ort?
Die Auslandsstudienberaterin der PH, Beate Gruber, hatte alle Hände voll zu tun. Die wichtigste Frage war: Nach Hause fahren oder bleiben?
Die Leiterin des Akademischen Auslandsamts, Dr. Monika Becker, fasst die Situation zusammen: „Wir haben es den Studierenden bewusst freigestellt, selbst zu entscheiden. Andere Länder, z.B. die USA oder Belgien, haben ihre Studierenden pauschal zur Heimreise aufgefordert, egal wo sie waren und wie die Lage vor Ort war. Wir haben stattdessen mit den Studierenden und teilweise mit der Partnerhochschule im Ausland individuell besprochen, was jeweils am besten ist.“ Letztlich hätte etwa ein Drittel den Auslandsaufenthalt abgebrochen. Ein Drittel habe beschlossen, nach Deutschland zurückzukehren, um von hier aus das Semester an der Partnerhochschule online zu absolvieren. Ein weiteres Drittel habe sich dazu entschlossen, vor Ort zu bleiben und ein Erasmus-Semester der besonderen Art zu erleben, so Becker.
Einige dieser PH-Studierenden berichten von ihren Eindrücken im Gastland und auch Studierende, die eigentlich nun in Schwäbisch Gmünd wären, geben einen Einblick in ihre Erfahrungen mit einem etwas anderen Erasmus-Semester.

Tamara Bischoff ist froh, wieder am University College South Denmark in Abenraa/Dänemark zu sein.

Tamara Bischoff ist froh, wieder am University College South Denmark in Abenraa/Dänemark zu sein.

Nadja Niessen studiert von Belgien aus online an der PH Schwäbisch Gmünd.

Nadja Niessen studiert von Belgien aus online an der PH Schwäbisch Gmünd.

Kylie Soomers aus den Niederlanden absolviert ihr PH-Erasmussemester nun ebenfalls online.

Kylie Soomers aus den Niederlanden absolviert ihr PH-Erasmussemester nun ebenfalls online.

Dänemark – Maskenlos auf Distanz

Tamara Bischoff studiert Lehramt Grundschule und ist nun, nach sechs Wochen Unterbrechung, wieder am dänischen University College Syd. „Ursprünglich war nur ein kurzer Aufenthalt in Deutschland vor Ostern geplant. Doch aufgrund von Grenzschließungen und Quarantäneregelungen konnte ich nicht eher nach Dänemark zurückkehren ­– und auch dafür brauchte es einige Telefonate und E-Mails mit Grenzbehörden und Koordinatoren“, schildert die Studentin.
Das Studium ging für Bischoff während des Festsitzens in der Heimat dennoch weiter: „Der Kurs wurde online ausgerichtet und wir konnten uns über Videomeetings sehen und austauschen.“ Befremdlich sei für sie vor allem gewesen, in ein Land zurückzukehren, in dem die Regierung völlig andere Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ergriffen hatte. So gebe es in Dänemark zum Beispiel keine Maskenpflicht – Abstand halten mussten die Dänen und Däninnen dennoch. Und das hätte nach Ansicht Bischoffs besser geklappt als in Deutschland.
Auch Schulen und Kindergärten hätten früher wieder den Betrieb aufgenommen. „Nur deshalb ist es für uns Erasmusstudenten möglich, ein Praktikum in einer Bildungseinrichtung zu absolvieren“, sagt Bischoff – natürlich unter strengen Hygieneauflagen. Bischoff bedauert es, dass nicht alle Studierende an die Gasthochschule zurückkehren konnten. „Doch wir haben vor Corona viele schöne Erinnerungen gesammelt, auf die wir jetzt lachend zurückblicken können“, sagt sie. Und resümiert: „Ein Auslandssemester ist dafür da, neue Erfahrungen zu machen – und auch wenn dies nicht die Erfahrungen sind, die ich mir anfangs vorgestellt habe, so werde ich diese Zeit dennoch nie vergessen.“

Keine Hamsterer in Norwegen

Keine Panik, keine Hamsterkäufe. So schildern Jasmin Glock und Bianca Uhl ihre Eindrücke. Beide studieren derzeit an der University of South Eastern Norway in Vestfold in der Nähe von Oslo. Aus der Heimat haben sie immer wieder mitbekommen, dass hierzulande manche Supermarktregale leergekauft gewesen seien. „Die Norweger gehen sehr gelassen mit der Situation um“, berichtet Glock. So ist Norwegen vielleicht nicht das Land, wo Milch und Honig fließen, aber in dem stets genügend Klopapier, Nudeln und Konserven vorhanden gewesen waren, berichtet auch Uhl.
Doch auch dort wurden im März Kindergärten, Schulen, Restaurants, Bars, Friseure und Hochschulen geschlossen. Das Semester „Outdoor Education“ der beiden PH-Studentinnen läuft seitdem online ab. „Wir sind doch eine ‚Outdoor-Klasse‘ – wie soll das denn gehen?“, fragte sich Bianca Uhl zu Beginn, wurde aber eines Besseren belehrt. „Aktuell haben wir etwa drei bis vier Mal die Woche Vorlesungen und bekommen dann Arbeitsaufträge. Diese Aufträge finden meistens trotzdem draußen und zum Teil sogar in Gruppenarbeit statt“, berichtet Glock, die an der PH Kindheitspädagogik studiert.
Mittlerweile gab es in dem skandinavischen Land einige Lockerungen: Kindergärten und Grundschulen sowie Restaurants seien wieder geöffnet und das Leben gehe glücklicherweise langsam wieder seinen „normalen“ Gang, erzählt Bianca Uhl.
Vom sogenannten „friluftsliv“ – mit Sport an der frischen Luft oder Grillen am Strand – ließen sich die Norwegerinnen und Norweger auch in der Corona-Zeit nicht abbringen, genießen nun aber, wie die beiden Gmünder Studierenden, umso mehr das herrliche Frühlingswetter.

Die schwedische Gelassenheit

„An jedem Wochentag um 14 Uhr wird die schwedische Bevölkerung im Fernsehen offiziell über die aktuelle Lage informiert“, berichtet Lisa Durchdewald aus ihrem Auslandssemester an der Hochschule Kristianstad. Mit dem schwedischen Sonderweg seien die Einheimischen offensichtlich sehr zufrieden, berichtet die Studentin der Gesundheitsförderung. Auch sie fühle sich nicht beeinträchtigt oder gar eingeschränkt. „Meine Vorlesungen werden online umgesetzt. Die meisten Prüfungen finden ebenfalls online statt, andere werden durch Hausarbeiten ersetzt“, sagt sie. Ihr Alltag bestehe aus Bewegung, Kochen, Lernen und viel Natur. Im Fitnessstudio werde gründlich desinfiziert und auf Abstand geachtet. Wie auch im Nachbarland Norwegen werde nicht in großem Stil gehamstert. Zeitweise habe es aber an Desinfektionsmittel und frischer Hefe gefehlt, so Durchdewald. Von Corona oder gar Panik merke man vor allem auf dem Land nicht viel. Camping- und Spielplätze seien gut besucht, vor Eisdielen bildeten sich, unter Wahrung des Mindestabstands, lange Schlangen und auch die ältere Generation treffe sich auf einen Spaziergang und genieße die ersten Sonnenstrahlen. Beinahe ein „Dolce Vita“ im hohen Norden, also? So scheint es, liege es doch in der schwedischen Mentalität, die Dinge entspannt zu sehen, wie ein Schwede Lisa Durchdewald verriet.

„Es ist dennoch schön, Teil der PH zu sein“

Auch die Gmünder PH hätte im Sommersemester wieder Erasmusstudierende aus dem Ausland begrüßt. Trotzdem absolvieren einige ihr Studium an der PH von ihren Heimatländern aus, natürlich online. So wie Kylie Soomers von der Fontys-Hochschule in Sittard (Niederlande), die froh ist über diese Möglichkeit des Online-Studiums. „Alle, denen ich dort begegne, sind sehr hilfreich und positiv.“ Auch wenn es sich komisch anfühle, nicht an die PH kommen zu können, sei es dennoch schön, Teil von ihr zu sein, so die Niederländerin, die Deutsch als Fremdsprache auf Lehramt für die Sekundarstufe 1 studiert.
Nadja Niessen studiert an der Haute École Libre Mosane in Liège (Belgien). Das Sommersemester hätte sie eigentlich in Schwäbisch Gmünd verbracht. „Corona hat mir, wie vielen anderen, einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt die 20-Jährige, die nahe der deutsch-belgischen Grenze lebt. Permanente Grenzkontrollen, die Fahrzeuge nach eingekauften Sachen durchsuchen, seien seit der Grenzschließung an der Tagesordnung. „Diese Präsenz wird immer erschreckender“, schildert die Studentin und stellt fest: „Wir sind so sehr an offene Grenzen gewöhnt, dass wir sie erst dann wertschätzen, wenn sie uns genommen werden.“
Das Studium an der PH absolviert sie online. „Leider fällt dadurch der persönliche Aspekt fast vollständig weg.“ Denn der Austausch von Kulturen erfolge ihrer Ansicht nach durch gemeinsame Erfahrungen wie zusammen zu kochen oder die Gegend zu erkunden.
Monika Becker freut sich, dass Studierende ihr Abenteuer Ausland fortsetzen: „Die Krise zeigt, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und wir nur gemeinsam zu Lösungen kommen. Gleichzeitig merken wir, dass kein digitaler Austausch das echte Leben ersetzen kann.“ Derzeit bereiten sich schon die nächsten Studierenden auf ihr Auslandssemester im Herbst vor, auch wenn sie wissen, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit noch Einschränkungen geben wird. „Dass jetzt in einigen Ländern sogar die unterbrochenen Erasmus-Aufenthalte weitergeführt werden, ist ein wichtiges positives Zeichen“, so Becker.