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Professionalisierung für die Ernährungsbildung lohnt sich

Gemeinsam schnippeln, Nahrung zubereiten und probieren gehört in vielen Kitas und Grundschulen zum Teil des pädagogischen Alltags. Dennoch sind pädagogische Fachkräfte auf diese Aufgaben in ihrer Ausbildung kaum vorbereitet. Kurze Fortbildungen können hier nach den Forschungsergebnissen von Dr. Renán Alejandro Oliva Guzmán von der PH Schwäbisch Gmünd wichtige Unterstützung liefern, ersetzen aber keine Ausbildung. Ernährungsbezogene Inhalte sollten daher stärker in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte verankert und kurze Fortbildungen eher ergänzend angeboten werden. Oliva Guzmán hat im Rahmen seiner Dissertation Befragungen von rund 1.300 Teilnehmenden der eintägigen Fortbildung der Initiative „Ich kann kochen!“ von der Sarah Wiener Stiftung ausgewertet, ergänzt um eine Nachbefragung neun Monate später und eine Längsschnittprobe.

Bildungspotential von Ernährungspraxis

Themen und Aktivitäten rund um Ernährung, Lebensmittel und Essen bieten spannende Zugänge für die Allgemeinbildung in der Kita und Grundschule. Hier können Hand, Herz und Kopf im Sinne der Handlungsorientierung besonders gut verbunden werden und Bildungsprozesse anregen. Dieser didaktische Zugang wird als „Ernährungspraxis“ bezeichnet. Dazu gehören Aktivitäten wie die Zubereitung und das Genießen von Lebensmitteln und Mahlzeiten, der Anbau von Lebensmitteln, z.B. im Schulgarten, oder der Besuch eines Supermarktes oder Bauernhofes sowie die Auseinandersetzung mit Informationen und Empfehlungen wie beispielsweise in den sozialen Medien. 

Hohe Motivation, lückenhafte Qualifikation

Zu den Fortbildungen kommen vor allem engagierte Fachkräfte aus Kitas und Grundschulen mit sehr unterschiedlichem beruflichem Hintergrund – neben pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften auch Auszubildende, Ernährungsfachkräfte und Menschen aus ganz anderen Berufen. Fast die Hälfte hat bereits Erfahrungen in der Ernährungspraxis mit Kindern, die Motivation hierfür ist durchweg sehr hoch. In fachlicher Hinsicht zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild: Der größte Teil ist nicht für den Bereich der Ernährungspraxis ausgebildet; die Zubereitungsfähigkeiten und -fertigkeiten sowie das praktische Ernährungswissen bewegen sich überwiegend im durchschnittlichen Bereich; zugleich verfügt ein Teil der Teilnehmenden über sehr geringes ernährungsbezogenes Wissen. Auch die Bildungspotenziale der Ernährungsbildung werden bislang nur teilweise ausgeschöpft: kurzsichtige und pragmatische Ziele stehen im Vordergrund, anspruchsvollere Bildungsziele werden selten angestrebt.

Was in der Praxis bremst

Entscheidend für die Wirkung sind die Rahmenbedingungen: Ohne geeignete Küche scheint weniger Ernährungspraxis statt zu finden, die größten Hürden sind Zeitmangel und fehlende finanzielle Mittel – in der Kita wie in der Grundschule. Inhaltlich dominieren Zubereitung, Essen, Gesundheit und Sicherheit, während nachhaltigkeitsbezogene und reflexive Themen selten vorkommen. Ernährungspraxis findet eher als Zusatzangebot statt, nicht als fester Bestandteil des pädagogischen Konzepts.

Messbare Wirkung – besonders bei geringeren Vorkenntnissen

Neun Monate nach der Fortbildung bieten die Teilnehmenden im Schnitt 1,3-mal häufiger pro Monat Angebote der Ernährungspraxis mit Kindern an als zuvor. Drei Viertel haben neue Elemente in ihre Angebote aufgenommen und sprechen mehr Themen an, darunter Genuss, das Probieren unbekannter Lebensmittel, Regionalität und Umweltaspekte. Besonders stark profitieren Personen mit geringen Vorkenntnissen; Unterschiede in Erfahrung und Qualifikation gleichen sich dadurch teilweise aus. Viele Teilnehmende beobachten zudem positive Veränderungen im Essverhalten der Kinder und werten ihre Arbeit im Bereich der Ernährungspraxis als Gewinn für die gesamte Einrichtung.

Anforderungen an Ausbildung und Forschung

Die Studie empfiehlt, ernährungsbezogene Inhalte systematisch in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte für Kita und Grundschule zu verankern, Fortbildungen stärker auf das jeweilige Setting zuzuschneiden und Ernährungspraxis strukturell im Bildungsalltag zu sichern. Kurze non-formale Angebote können die formale Ausbildung sinnvoll ergänzen, sie aber nicht ersetzen. Offen bleibt, ob vergleichbare Effekte auch bei weniger motivierten Gruppen und weniger professionell gestalteten Formaten entstehen. Künftige Forschung sollte zudem systematisch erfassen, welche Kompetenzen, Themen und Aktivitäten in den verschiedenen Phasen der Professionalisierung tatsächlich vermittelt werden.

 

Die Studie wurde veröffentlicht unter

Renán Alejandro Oliva Guzmán
„Professionalisierung für die Ernährungspraxis: Inanspruchnahme und Wirkung einer Fortbildung zur Ernährungspraxis mit Kindern“
Schwäbisch Gmünd 2026

https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:752-opus4-5945