Signs in Motion: Semiotic Perspectives on Migration
DGS-Kongress 2027, Schwäbisch Gmünd, 28.9. – 2.10.2027
Obwohl Migration als „zivilisatorischer Normalfall“ (Bade und Oltmer 2004) gelten kann und der Begriff „Migration“ seit dem Ende des 16. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum belegt ist, spielte er noch in den 1970er Jahren im öffentlichen wie im wissenschaftlichen Diskurs kaum eine Rolle. Dies änderte sich in den folgenden zwanzig Jahren grundlegend. Als einer der sichtbarsten Bestandteile der Globalisierung wurde „Migration“, wie Espahangizi (2023, 210) schreibt, zu einem „schillernden öffentlichen Streitobjekt“, „um das sich Migrationsgesellschaften drehen und über das sie sich ein Stück weit auch konstituieren.“ Migration – mitunter alltäglich und oftmals unauffällig, teilweise gewollt und häufig ungewollt – wurde zu einem Dauerthema, das heute in der Öffentlichkeit vielfach im „Modus des Spektakulären und Kontroversen“ diskutiert wird (Bartels u. a. 2023, 7).
Migration verändert geografische, soziale, kulturelle und religiöse Räume in den Herkunfts- und Zielregionen und gestaltet Beziehungen bis in die Familien hinein neu – auch unter intensiver Nutzung digitaler Technologien. Sie kann als Innovationsmotor gelten. Denn mit Menschen migrieren Ideen und Vorstellungen , die das Wissen und auch die Alltagskultur einer Gesellschaft, etwa kulinarische Traditionen, musikalische Vorlieben oder vestimentäre Gepflogenheiten, grundlegend transformieren. Migration schafft neue Formen und Möglichkeiten des Austauschs und der Erfahrung, der Kommunikation und Interaktion auf gesellschaftlicher, zwischenmenschlicher und individueller Ebene und setzt zugleich eine Vielzahl sozialer, kultureller, politischer und ästhetischer Aushandlungsprozesse um Identität, Teilhabe und Abgrenzung in Gang.
Migration ist ein initial semiotisches Phänomen, das sich mithilfe unterschiedlicher semiotischer Verfahren und Ansätze genauer analysieren lässt (Cobarrubias 2025; Krzyżanowski und Ekström 2025; Pelsmaekers und Van Hout 2020; Panjwani 2024): Schon der Begriff „Migration“ ist ein semiotisches Konstrukt, das die kategoriale Unterscheidung zwischen einem Wir und einem Anderen vor- sowie Herkunfts- und Zielregionen als solche relevant setzt (Yildiz 2014). Migration und Mobilitäten werden zudem erst dann signifikant, wenn Grenzen überschritten werden – Grenzen von „imagined communities“ (Anderson 1990), nicht nur nationaler, sondern auch ethnischer oder sprachlicher Art. In solchen politischen, kulturellen, juristischen, ökonomischen, sozialen und letztlich ideologischen Räumen werden Zugang und Zugehörigkeit oftmals nur in und durch vielfältige semiotische, häufig multimodale und mediatisierte, heute digitalisierte Prozesse der Selbst- und Fremdkategorisierung auf Makro-, Meso- und Mikroebenen hergestellt.
Gleichzeitig werden durch Migration bestehende Ordnungen in diesen Räumen infrage gestellt und auf grundlegende Weise verändert. Die verwendeten Zeicheninventare und -praktiken vervielfältigen sich; die semiotischen Landschaften in Städten und Dörfern, in Bildungsinstitutionen ebenso wie in Verwaltung und Betrieben werden komplexer, überkommene Vorstellungen binären Kategorisierens werden ausgehebelt und neue Formen der Zugehörigkeit notwendig. Migration stellt damit durch das vervielfältigte Angebot an Zeichen althergebrachte Identitäten in Frage, evoziert neue Möglichkeiten der Identitätskonstruktion und fördert ebenso neue Konfliktlinien, Diskurse und Aushandlungsformen – Migration wird zu einem politisierten Gegenstand.
Die Tagung widmet sich dem Phänomen „Migration“ aus semiotisch fundierter, interdisziplinärer Perspektive. Eingeladen werden Beiträge, die Migration als semiotisch relevantes gesellschaftliches, politisches und kulturelles Phänomen analysieren und mit theoretischen wie methodischen Ansätzen der Semiotik arbeiten.